Artikel der Serie "Wichtige Persönlichkeiten im Wandel der Zeit" von Kathrin Pollak, Sandra Raunigg, Stefanie Stocker und Viktoria Waldegger
Tim Berners-Lee und seine Erfindung
Der „inoffizielle Mann des Jahres 1990“, Tim Berners-Lee, gilt als der Erfinder des World Wide Webs. Der britische Physiker begründete 1990 die weltweit erste Website,die auch heute noch in alter Form existiert. Diese Website erläuterte unter anderem, was das World Wide Web sein sollte, wie man an einen Webbrowser kommt, und wie man einen Webserver aufsetzt. Ursprünglich war dies auch die erste einfache Suchmaschine, denn Berners-Lee betreute noch andere Webpräsenzen außer seiner eigenen.
Die Grundideen des World Wide Webs sind vergleichsweise einfach zu begreifen. Berners-Lee sah und verknüpfte sie jedoch in einer Weise, deren Möglichkeiten bis heute noch nicht vollständig ausgeschöpft sind. Mit seiner Entwicklung der Seitenbeschreibungssprache HTML, der Hyperlinks und der Internetadressen schuf Sir Timothy Berners-Lee die Grundlagen des WWW, was in den 90er Jahren zur explosionsartigen Verbreitung des Internets als globales Massenmedium beitrug. Berners-Lee hatte auch mit dem Gedanken gespielt, das Web statt WWW lieber TIM (The Information Mine) oder MOI (Mine of Information) zu nennen, fand aber beide Ideen zu egozentrisch.
Berners-Lee ist seit jeher ein starker Verfechter der „open sources“, weshalb ihn seine Erfindung auch nicht zum Multimillionär machte. Doch was macht Tim Berners-Lee, der so viel zum technischen Fortschritt beitrug, heute?
Das Word Wide Web Consortium
Ein wichtiges Aufgabenfeld des heute 56-Jährigen ist das World Wide Web Consortium. Als Vorsitzender dieses Consortiums verteidigt der „Gutenberg des 21. Jahrhunderts“ unermüdlich das Entstehungsprinzip des neuen Mediums: die freie, durch keine politische oder wirtschaftliche Gewalt beschränkte Kommunikation …
Einleitung
Die Aufgabe und das Ziel des World Wide Web Consortium (kurz: W3C) ist die Entwicklung von Web Standards. Um dieses Ziel zu erreichen arbeiten Mitgliedsorganisationen, ein fest angestelltes Team und die Öffentlichkeit zusammen. WC3 wurde am 1. Oktober 1994 am „MIT Laboratory for Computer Science“ in Cambridge (Massachusetts) gegründet. Gründer und Vorsitzender ist Tim Berners-Lee. Ein wichtiger Grund für dieses Engagement ist seine Hoffnung, alle Möglichkeiten des Webs zu erschließen. Dazu werden einheitliche Technologien (Spezifikationen, Richtlinien, Software und Tools) entwickelt, die den Fortschritt des Webs fördern und seine nahtlose Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Systemen sicherstellen.
Seit Januar 2011 befindet sich der Sitz des Deutsch-Österreichischen Büros in Berlin am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI).Beispiele für durch das W3C standardisierte Technologien sind HTML, XHTML, XML, RDF, OWL, CSS, SVG und WCAG. Geschichte
Im Oktober 1994 hat Tim Berners-Lee am Massachusetts Institute of Technology, Laboratory for Computer Science [MIT/LCS] in Zusammenarbeit mit dem CERN - wo das Web entstanden ist - und mit Unterstützung von DARPA (Defense Advanced Research Project Agency) und der Europäischen Kommission das World Wide Web Consortium gegründet. Das W3C sollte von Anfang an den kleinsten gemeinsamen Nenner einer Technologie finden und diesen zu einer Spezifikation verarbeiten, sodass diese von allen Mitgliederorganisationen unterstützt wird. Um die Internationalität des WWW zu betonen, sollten neben dem MIT weitere Hosts auf unterschiedlichen Kontinenten hinzukommen.
Im Dezember 2004 hat W3C sein zehnjähriges Bestehen mit einer Konferenz in Boston, Massachusetts (USA) über die Geschichte und Zukunft des Webs und von W3C gefeiert. Beitreten kann jedes Unternehmen. Organisation
Das W3C Team besteht aus mehr als 60 Forschern und Ingenieuren weltweit, die die technischen Aktivitäten von W3C leiten und die Arbeitsabläufe managen. Der Großteil des Teams arbeitet an den drei gastgebenden Institutionen: (MIT/CSAIL in den Vereinigten Staaten, ERCIM Hauptsitz in Frankreich, und Keio Universität in Japan). Unter der Führung des Direktors (Tim Berners-Lee), des leitenden Geschäftsführers (Steve Bratt), und eines Management Teams, hat das W3C-Team folgende Aufgaben:
· Es bietet dem W3C Orientierung, indem sich über neue Technologien, Marktentwicklungen und die Aktivitäten von verwandten Organisationen auf den neuesten Stand hält;
· Es koordiniert die W3C Aktivitäten, um die Zielerreichung innerhalb praktischer Rahmenbedingungen (wie verfügbarer Ressourcen) zu optimieren;
· Es fördert die Kooperation zwischen den Mitgliedern, wodurch es die Innovation stärkt, eine breit gestreute Mitgliederschaft anstrebt und aktive Beteiligung ermöglicht;
· Es kommuniziert die W3C-Ergebnisse an die Mitglieder und an die Presse.
Das W3C hat über 350 Mitgliedsorganisationen in 28 Ländern überall auf der Welt (Abb.1), die eine große Bandbreite an kommerziellen Aktivitäten abdecken (Abb.2) Abbildung 1: W3C Mitgliedschaftsverteilung nach Ländern
Hinzu kommen die vielen freiwilligen Helfer und Helferinnen, die an den Diskussionsprozessen der Mailinglisten teilnehmen, Empfehlungen übersetzen, Implementierungen von Spezifikationen schreiben und diese als Open Source veröffentlichen, sich an Arbeitsgruppen beteiligen oder sich anderwärtig im W3C engagieren.
Unter den W3C Mitgliedern befinden sich Hersteller von Technologie-Produkten und Dienstleistungen, Contentanbieter, Firmen-Nutzer, Forschungseinrichtungen, Standardisierungsgremien und Regierungen, die alle daran arbeiten, Konsens über die Entwicklungsrichtung für das Web zu erreichen.
Abbildung 2: W3C Mitgliedschaftsverteilung nach Wirtschaftssektor
Das W3C finanziert sich über die Beiträge der Mitgliedsorganisationen und freiwilligen Spenden. Erst am Ende des Jahres 2009 bestätigte die Internet Society (ISOC), einen Betrag in Höhe von 2,5 Millionen US-Dollar, verteilt auf die nächsten drei Jahre, an das W3C zu spenden. Neben den drei Hostorganisationen MIT, ERCIM und Keio University, die sich administrativen Tätigkeiten widmen, ergänzen weltweit verteilte Büros die Arbeit des W3Cs. Diese haben zur Aufgabe einerseits das Bewusstsein für Standards und für das W3C zu wecken und andererseits:
· Interessengruppen anzusprechen und die Beziehung zur regionalen Politik und Wirtschaft zu fördern
· Regionale W3C-Mitglieder zu unterstützen
· Rückmeldungen zu geben, über die - der Region betreffenden - Thematiken
· Die regionale Akzeptanz von W3C-Standards zu fördern, mit besonderer Hinsicht auf regionalspezifische kulturelle Gegenstände
· Verbreitung von Übersetzungen der W3C–Empfehlungen
Das regionale Büro benutzt dabei verschiedene Kommunikationsmöglichkeiten wie eine eigene Website, Newsletter, Broschüren oder Konferenzen. Gehostet werden die Offices von Wirtschaftsneutralen Mitgliederorganisationen des W3C (meist Hochschulen oder Forschungseinrichtungen).
Status
Auch wenn das W3C zahlreiche De-facto-Standards hervorgebracht hat, ist das W3C keine zwischenstaatlich anerkannte Organisation und damit genau genommen nicht berechtigt Normen wie ISO festzulegen. Das W3C nennt seine Standards – um ihrem nicht-offiziellen Charakter zu entsprechen – W3C Recommendations, also W3C-Empfehlungen.
Die Vorstufen im Entwicklungsprozess einer W3C-Empfehlung (W3C Recommendation) sind Arbeitsentwurf (Working Draft), letzter Aufruf (Last Call Working Draft), Empfehlungskandidat (Candidate Recommendation) und der Empfehlungsvorschlag (Proposed Recommendation). Zu einer Empfehlung werden weiterhin Berichtigungen veröffentlicht, und es kann eine neue Ausgabe einer Empfehlung herausgegeben werden (zum Beispiel existiert die XML-Empfehlung zurzeit in der fünften Ausgabe). Falls nötig, können Empfehlungen auch zur Überarbeitung zurückgezogen werden.
Desweiteren ist es möglich, die Vorstufen der Empfehlungen auf den Level des Arbeitsentwurfes zurückzustufen. Das W3C publiziert darüber hinaus Anmerkungen (Notes) ohne normativen Anspruch.
Diese Dokumente sind für Laien - aufgrund der sehr eigenen Sprache - oft wenig verständlich oder aufschlussreich. Für Nutzer auf Anwendungsebene, die sich tiefer mit W3C-Technologien beschäftigen wollen, ist ein spezielles Tutorial zu empfehlen. Hierzu können auch die bereits erwähnten Anmerkungen (Notes) dienen, da diese durch ihren explorativen Charakter eher einem Tutorial entsprechen.
Anders als zum Beispiel bei den Request for Comments (RFC) der IETF, sind beim W3C alle Dokumente – vom ersten Arbeitsentwurf bis zur fertigen Empfehlung – auch nach dem Standardisierungsprozess online verfügbar. Weiterhin kann der Standardisierungsweg innerhalb eines Dokumentes anhand diverser Verlinkungen einfach nachvollzogen werden. Rechteinhaber aller Dokumente, einschließlich der fertigen Empfehlungen, sind dabei immer die Hosts: MIT, ERCIM und Keio University. Der Entwicklungsprozess bis zu einer Empfehlung, sowie eine Liste der bisher veröffentlichten Empfehlungen kann unter "Entwicklung" genauer betrachtet werden, im Originalwortlaut ist sie auf den Seiten des W3C dokumentiert.
Zukunft
Das W3C vergrößert die Reichweite des Web auch weiterhin, für:
· Jedermann (unabhängig von Kultur, Fähigkeiten, etc.),
· Alles (Applikationen und Datenspeicher, und auf Endgeräten vom leistungsfähigen Computer mit hochauflösenden Bildschirm bis hin zu mobilen Endgeräten und Anwendungen),
· Überall (mit Bandbreiten von niedrig bis hoch),
· Diverse Interaktionsmodi (Berührung, Stift, Mouse, Stimme, Hilfstechnologien, Computer mit Computer).
„W3C ist der Ort, an dem die Zukunft des Webs gemacht wird. Unsere Mitglieder arbeiten gemeinsam daran, Web-Technologien zu entwickeln und zu standardisieren, die auf der universellen Vielseitigkeit des Webs aufbauen und ihm die Möglichkeit bieten, zu kommunizieren, Informationen auszutauschen und effektive, dynamische Anwendungen zu schreiben. - für jedermann, überall, zu jeder Zeit und mit jedem Endgerät.” - Tim Berners-Lee, W3C Direktor und Erfinder des World Wide Web
Tim Berners- Lee über das Internet heute
„Was nicht im Web ist, existiert nicht" Interview mit futurezone
Die Neuerungen seiner Erfindung verfolgt Tim Berners-Lee verständlicherweise mit Argusaugen, gern wird er dazu nach seiner Meinung befragt. Und obwohl Berners-Lee sein Medium als Open Source, also für jeden kostenlos zugänglich veröffentlichte, setzt er sich heute immer noch für die Verbesserung des Webs ein.
Als bedeutende Errungenschaft sieht er das Web immer dann wenn sie der Menschheit weitergeholfen hat. „Wenn es zur Kommunikation genutzt wurde und dazu beigetragen hat, Konflikte friedlich zu lösen“, so Berners-Lee.
Jedoch gab es auch immer wieder Tiefpunkte in der Entwicklung des World Wide Webs. Wenn zum Beispiel Regierungen und Unternehmen versucht haben, das Web zu kontrollieren. Tim Berners-Lee kämpft daher seit Jahren für die kompromisslose Einhaltung der Netzneutralität. „Ich halte es für sehr wichtig, dass das Netz ein neutrales Medium bleibt und dass ich auf jede Website zugreifen kann. Wenn Regierungen oder Unternehmen die Macht haben, Informationen zu filtern, bestimmen sie die Weltsicht vieler Nutzer, “ sagte Berners-Lee vor ein paar Wochen in einem Interview.
Nicht nur die Zugriffskontrolle auf Websites kann problematisch sein, sondern auch die Überwachung der Webnutzung, etwa für Werbezwecke. Teilweise kann das fatale Folgen haben. Manche Leute etwa nutzen das Web um sich über Krankheiten zu informieren. Wurde von Regierungen erlaubt Technologien zu installieren über die das Nutzungsverhalten verfolget wird, dann das dazu führe das diese Menschen etwa höhere Versicherungsbeiträge bezahlen müssen oder bekommen keinen Job mehr. „Wenn das Nutzungsverhalten protokolliert wird, werden Leute angreifbar“, so Berners-Lee. Seiner Meinung nach sollte die Regierung nicht davor zurückschrecken die Netzneutralität in Form von Gesetzten einzufordern, bis diese als ethisches Prinzip in jedem Unternehmen verankert ist.
Sehr unschlüssig ist sich Berners-Lee aber bei der Frage ob Anonymität im Web gewährleistet werden solle. Denn einerseits brauchen wir laut Tim Berners-Lee das Recht auf Anonymität, andererseits aber hat jeder, der kritisiert wird, das Recht zu erfahren wer hinter der Kritik steht. „Anonymität ist besonders unter repressiven Regimen wichtig oder für Whistleblower. Wir haben also einen Konflikt zwischen diesen beiden Rechten“, behauptet Berners-Lee. Im World Wide Web Consortium wird daher den Leuten gewährt, die aus welchen Gründen auch immer ihre Identität nicht preisgeben wollen, das Recht auf Anonymität. Wichtig sei es in der Gesellschaft Mechanismen zu entwickeln, die beide Rechte ermöglichen.
Der Vater des Webs sieht darin aber auch großes Potenzial für politische Veränderungen. Als Beispiel nannte er die Revolutionen in arabischen Ländern. Berners-Lee ist davon überzeugt, dass das diese ohne das Netz nicht möglich gewesen wären, und dass ein solcher Vorgang in Zukunft wohl auch nicht mehr so schnell möglich sein wird. Denn auch Regierungen lernen dazu.
Nicht nur im arabischen Raum hatte das Internet in letzter Zeit sehr große Bedeutung für politische Umbrüche auch in Großbritannien war Berners-Lee an einer wichtigen Veränderung beteiligt. Er war stark an der Öffnung von Regierungsdaten beteiligt. Seiner Meinung nach führt eine solche Öffnung zu mehr Transparenz und Entscheidungen werden nachvollziehbar.
Tim Berners-Lee über Web 2.0 und Social Media
" Web 1.0 is about connecting computers, while Web 2.0 is about connecting people?” “Totally not”.
Auf Definitionen dieser Art reagiert Tim Berners-Lee allergisch. 2006 sprach er in einem Interview mit „IBM Developer Works“ über das Web 2.0, das damals gerade einen richtigen Boom erlebte. Dabei zeigte sich, dass er wohl kein großer Fan dieses Begriffes ist. Er halte Web 2.0 für einen „Jargonausdruck, von dem niemand weiß, was er wirklich bedeutet“. Seiner Meinung nach ist das angeblich neue Netzverständnis des Web 2.0 in Wahrheit nichts anderes, als die Rückkehr zu dem ursprünglichen Netzverständnis, das bereits der
5 interessante Zitate von Tim Berners-Lee You affect the world by what you browse. If it isn’t on the web, it doesn’t exist. Sites need to be able to interact in one single, universal space. The important thing is the diversity available on the Web.
Anyone who has lost track of time when using a computer knows the propensity to dream, the urge to make dreams come true and the tendency to miss lunch. |
Grundkonzept des Web 1.0 war. „Web 1.0 is all about connecting people“ – dies war der Hintergedanke, unter dem Berners-Lee das Internet eigentlich revolutionierte. Zu Beginn, in den Jahren 1995 bis 2000, funktionierte dies auch sehr gute ( Beispiel Arbeit im Netz - Arbeit fürs Netz). Zerstört wurde dieses Prinzip erst mit der Einmischung von Unternehmen, die das Web kommerziell machen wollten.
Für Berners-Lee ist das Web 2.0 also nur ein „Abklatsch“ der eigentlichen Grundidee des Webs – seiner Grundidee. Kein Wunder also, dass er von diesen neuen Begriffen nicht sehr begeistert ist. Viele kritische Internetexperten stimmen ihm zu, auch sie halten das „Web 2.0“ nicht für eine Innovation, sondern eher den Begriff für eine konsequente Weiterentwicklung des „alten WWW“. Web 2.0 enthalte nichts Neues, die neue Interaktivität der User bestehe schon seit jeher in Form von Foren, Chats etc – die verwendeten Grundtechniken waren also schon lange vor Erfindung des „Web 2.0“ vorhanden. „Web 1.0 was all about connecting people, it was an interactive space“.
Social Media
Als „interactive space“ sind heute vor allem Social Media Netzwerke bekannt. Aufgrund dieser Plattformen sieht Tim Berners-Lee heute seine immer noch gültigen Grundzüge des WWW, Offenheit und unbeschränkte Verknüpfung von Informationen, stark in Gefahr. Der vielfach ausgezeichnete und für seine Verdienste geadelte Technik-Pionier sieht sein Lebenswerk bedroht. Ausgerechnet Gerade die erfolgreichsten Unternehmen im Netz, wie eben Facebook, seien dabei, die Prinzipien von Offenheit und open sources wezugwerfen um stattdessen geschlossene Inseln zu schaffen, um ihre Inhalte vom Rest des Netzes abzuschotten. „Wenn wir, die Web-Nutzer, diese Entwicklung zulassen, könnte das Web in fragmentierte Inseln zerbrechen. Wir könnten die Freiheit verlieren, Webseiten so miteinander zu verbinden, wie wir es möchten", warnte Berners-Lee in einem Beitrag in der Wissenschaftszeitschrift „Scientific American“.
Google-Chef Eric Schmidt wettet, dass „offene Systeme“ im internet überleben und im Endeffekt dominieren werden, Berners-Lee ist sich da nicht so sicher. Soziale Netzwerke wie Facebook brilliante Datenbanken, mit den Geburtsdaten und persönlichen Angaben, und bieten zusätlich einen Zusatznutzen (Kontakt mit anderen)- aber nur auf ihren Seiten. Wer seine Daten einmal dort eingegeben habe, kann sie nicht einfach mitnehmen. „Jede Seite ist ein Silo, abgeschirmt von den anderen Seiten", kritisiert Berners-Lee. Mehrwertschaffende Verbindungen zwischen den Daten seien nur auf der Seite möglich. Je mehr Daten die Nutzer also dort eingeben, desto stärker seien sie an die Plattform gebunden, warnt Berners-Lee. Damit verbunden sei die Gefahr, dass eine Plattform ein Monopol werden könne, was die Innovationskraft senke. Facebook ist genau auf diesem Weg. Mit mehr als 600 Millionen Nutzern, was rund 45 Prozent der Internetnutzer in den Industrieländern entspricht, ist Facebook die Nummer eins unter den sozialen Netzwerken und wächst weiterhin schnell. Schon 9 Prozent der gesamten Internetzeit verbringen die Menschen auf Facebook, hat das Marktforschungsunternehmen Comscore gemessen.
Auch denkt Berners-Lee, dass viele User selbst frustriert über die Tatsache sind, dass Social Network Plattformen nicht miteinander kommunizieren. Ein erster Schritt in die richtige Richtung sei bereits gemacht worden, mittlerweile kann man Leute „followen“ die nicht auf derselben Network-Plattform unterwegs sind wie man selbst, der erste Schritt in Richtung „alle miteinander“ und „gegenseitiges öffnen“ ist also bereits gemacht.
Berners-Lee fordert aber bereits eine neue Generation von Social Networks, die speziell Akademikern und Wissenschaftlern die Zusammenarbeit erleichtern soll. Hier sieht er momentan einen großen Mangel, für Experten gäbe es keine passende Plattform um ihre Arbeit zu teilen und Ideen auszutauschen. Für ihn wäre so eine Plattform ein wichtiger Schritt, die dringendsten Weltprobleme zu lösen. Normale Social Media Networks wie Twitter sind laut Berners-Lee für Wissenschaftler allerdings ungeeignet, er fordert etwas Neues:
"Is Twitter going to be a part of that? Maybe, but maybe not. Maybe we need something more sophisticated," he said. "Twitter is not really designed for middle of the way discussion. Something should be."
Dabei appellierte er vor allem an Web-Experten, beim kreieren neuer System speziell an die wirtschaftlichen und sozialen Probleme und Faktoren der heutigen Zeit zu denken.”
Zukunftsweisender als Web 2.0 oder Social Media ist für Berners-Lee aber eher der Schritt in Richtung “Semantic Web" an dem er seit längerem mitkonzipiert.
Semantic Web
Seit ein paar Jahren ist das „Semantic Web“ ein heiß diskutiertes Thema, die Idee selbst ist jedoch fast so alt wie das Web selbst. Ziel dieser neuen Instanz ist es, Bedeutungen von Informationen für den Computer verwertbar zu machen und somit geordnet für den jeweiligen Nutzer einsehbar zu sein. Die Informationen werden interpretiert und automatisch weiterverarbeitet und können somit in Beziehung zueinander gesetzt werden.
Hier ein kleines Beispiel, wie das Semantic Web in der Praxis funktionieren soll:
Simon hört gerade laut „Fix you“ von Coldplay auf seinem Home Entertainment System, als sein Handy läutet. Sofort wird die Lautstärke minimiert, da das Handy eine Nachricht an das Entertainment System schickt. Seine Schwester Julia, die gerade mit ihrer Mutter beim Arzt war, informiert Simon, dass die Mutter krank ist und eine Reihe von Untersuchungen braucht, die beiden Geschwister müssen sie also mehrmals chauffieren.
Julia schaltet ihren Semantic Web Agent ein, der sofort versucht, mögliche Behandlungstermine anhand der Terminkalender der Geschwister und des Arztes zu berechnen. Simon ist mit manchen der Termine nicht zufrieden – das Haus seiner Mutter ist weit vom Krankenhaus entfernt, und im Berufsverkehr würde die Fahrt zu lange dauern. Also wiederholt er die Suche nach möglichen Terminen mit strengeren Angaben zu Zeit und Ort – und Sekunden später war der perfekte Plan erstellt.
Das ist nur ein Beispiel von vielen, wie das Semantic Web das Alltagsleben enorm erleichtern kann.
Das Semantic Web soll also Strukturen in Daten bringen und diese nach Relevanz sortieren. Das System funktioniert allerdings nur, wenn die benötigte Software an beiden Enden der Kommunikation verwendet wird, das oben angeführte Beispiel kann also nur dann funktionieren, wenn bei der Erstellung der Homepage des Krankenhauses die Software, die benötigt wird, um Semantic Web pages zu erstellen, verwendet wurde.
Das Semantic Web ist kein eigenes Web, sondern eine Erweiterung für das World Wide Web. Das Internet würde mit dieser erweiterten Software „klüger“ werden, könnte Zusammenhänge herstellen und hierarchische Klassen bilden. Es könnte so zum Beispiel feststellen, dass ein LKW ein Auto, jedoch weder ein PKW noch ein Geländewagen ist.
Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den verschiedenen Eingabemethoden. Beim semantischen Web sollen Informationen sowohl per Mobilgerät und Spracheingabe abgerufen werden können, als auch durch visuellen Input. Wer also in Filmplakat mit dem Handy fotografiert und zusätzlich "Wo spielt es diesen Film?" ins Mikro brüllt, soll in Zukunft eine Liste mit nahegelegenen Kinos zurückbekommen.
Tim Berners-Lee ist überzeugt davon, dass das Semantische Web in Zukunft fest in unsere Leben eingebunden und nicht mehr wegzudenken sein wird.
Die deutsche Bundesregierung zum Beispiel investiert bereits Millionen in die Forschung und Weiterentwicklung der Software. Es wird sich also zeigen, wie lange es noch dauern wird, bis das Semantic Web die Laptops und Smartphones weltweit beherrscht.
Quellen:
Web Consortium:
www.w3c.de
de.wikipedia.org/wiki/World_Wide_Web_Consortium
Web 2.0 und Social Media, Aufrufe am 17.11.2011:
Berners-Lee über das Internet heute:
futurezone.orf.at
Semantic Web:
de.wikipedia.org