Freitag, 18. November 2011

Flash - Software auf dem Abstellgleis

Januar 2010. Die größte Videoplattform im Internet, Youtube.com, führt ein kleines und für den Endbenutzer - insbesondere für die nicht-high-tech-affine breite Masse der Online-Community - kaum bemerkbares Update durch, das in Wahrheit nur von jenen mitverfolgt werden konnte, die sich aktiv mit der Entwicklung des offenen Webs auseinandersetzen.




Nachdem die Homepage, auf der 40 Prozent aller Videoaufrufe des gesamten Interwebs getätigt werden, schon zuvor schrittweise - und auch hier für Otto Normalverbraucher gut versteckt - eine partielle Unterstützung des neuen Standards HTML5 eingeführt hat, wurde nun die Gesamtheit der gezeigten Clips, Filme, Episoden etc. neben der altbewährten Technik auch in HTML5 codiert angeboten.




Flashback.




Wie kam es zu diesem Kampf um die Vorherrschaft im Bereich des webbasierten Videoinhaltes?




1996 - Die Firma Adobe - bekannt für eine ganze Reihe von professionellen Softwareanwendungen, darunter bekannte Namen wie Photoshop, Acrobat Reader, Macromedia, Illustrator und vielen weiteren mehr - bringt Flash unter dem Namen Shockwave Flash Player auf den Markt, eine Plattform, zur Erstellung von animierten, multimedialen Inhalten, die dem User die Möglichkeit zur Interaktivität geben.




Flash wird schnell zum marktführenden Standard für alle Arten von Inhalten im Internet.






Als fester Bestandteil in die verschiedenen Browser eingebaut wird der Flash Player zu Hilfe gezogen, wann immer beispielsweise ein Video geladen werden soll. Über einen embed-Code im HTML-Aufbau der Seite wird das Videoelement eingebunden, um die Anzeige kümmert sich mit der Adobe-Entwicklung ein externes Programm.




Flash Forward




Die Entwicklung von HTML5 begann indirekt auf einer Zusammenkunft der W3C. Das Konsortium für die Entwicklung von Standards für das World Wide Web, das von niemand Geringerem als Tim Berners-Lee geleitet wird, fasste richtungsweisende Beschlüsse für ihre Linie und ihren Zugang zur Fortführung von Web-Standards - eine Splittergruppe der Vereinigung äußerte daraufhin ihren Unmut über die gefassten Entscheidungen. Als nicht auf die Einwände eingegangen wurde, spaltete sich das unzufriedene Team von dem Konsortium ab und gründete die WHATWG, die Web Hypertext Application Technology Working Group.




Die Arbeit an der Weiterentwicklung des zu diesem Zeitpunkt gültigen, wenngleich auch schon in die Jahre gekommenen HTML4 beginnt. Schließlich ist es eine Gemeinschaft, die sich aus Mitgliedern beider Vereinigungen - sowohl des W3C als auch der WHATWG - zusammensetzt.




Als ungefähres Ziel des Zeitplan wird ursprünglich eine Fertigstellung der neuen Codiersprachenversion bis ins Jahr 2020, später 2022, angesetzt. Später verwirft die WHATWG diese Zahlen und erklärt, dass die Arbeit nun als fortlaufender Prozess angelegt wird - HTML5 heißt jeweils der aktuelle Stand der Fortentwicklung, einen Abschluss des Projektes HTML5 soll es nicht geben.




Wichtige Neuerungen werden umgesetzt. Dazu zählen unter anderem und vor allem drei neue Tags, die den Markt umkrempeln sollen:


  • video


  • audio

  • canvas






Der zusammengenommene Funktionsumfang dieser drei Befehle spiegelt in etwa das wieder, was bisher die Aufgabe des Plug-Ins Adobe Flash im Internet war: Die Darstellung von Sound- und Videodateien, sowie von (interaktiven) Animationen, in diesem Fall als SVG-Vektordateien.


Vor allem mit dem canvas-Befehl wird derzeit sehr viel experimentiert, um den vollen Funktionsumfang von HTML5 zu erschließen. Ein Beispiel dafür ist "Browser Ball":





Viele weite experimentelle Website, die ausschließlich mit HTML5 erstellt wurden, finden sich beispielsweise unter:





Während sich diese Kommandos zwar aktuell nach wie vor in Entwicklung und Weiterentwicklung befinden, bieten sie bereits einen sehr relevanten Pluspunkt gegenüber der Flash-Embed-Variante: Sie sind reines HTML. Sie benötigen nicht die Unterstützung eines externen Programmes oder Plug-Ins. Sie sind unabhängig von der Funktion, und in Betrachtung der Zukunft, vor allem der Weiterentwicklung eines externen Projektes, das vollständig von einer nicht mit der Arbeit der W3C/WHATWG-Gruppe zusammenhängenden Firma durchgeführt wird.




Apples and Oranges




Und dann kam das iPhone. Was auf dem Mobilfunkmarkt alles veränderte, war auch ein richtungsweisender Meilenstein im Zank um den Standard für animierte Inhalte im Netz. Der Hersteller des Gerätes, der von CEO und Mitgründer Steve Jobs geleitete Konzern Apple mit dem Sitz in Cupertino, Kalifornien, entschied sich dafür, auf dem für das Smartphone entwickelten Betriebssystem, iOS, keine Unterstützung für Adobe Flash anzubieten, und stattdessen auf offene Web-Standards - allen voran auf HTML5 - zu setzen.




Der Unmut der Apple-Jünger über diese Verkündung veranlasste Steve Jobs dazu, einen offenen Brief an seine Fangemeinde und Kundschaft aufzusetzen, in dem er detailliert auf die Gründe für den Beschluss seiner Firma eingeht.




„Thoughts on Flash




Dieses im April 2010 auf apple.com veröffentlichte Schreiben bietet einen erstklassigen Überblick darüber, welche Nachteile die Flash-Applikation gegenüber der neuesten Hypertext-Markup-Language-Version hat.




  1. „Offen“


    Die Entwicklung von Flash hängt einzig und allein an Adobe. Das Unternehmen kontrolliert das Programm. HTML5 hingegen wird von Web-Entwicklern in einer Union erschaffen.


  2. „Full Web“


    Das Gegenargument, dass ohne Flash etwa 75 Prozent des gesamten Videocontents des Internets verloren gingen, wird damit entkräftet, dass inzwischen die überwiegende Mehrheit dieser Videos auch im HTML5-basierten Codec H.264 verfügbar sei. Einzig bei Flash-Games sei die Adobe-Behauptung wahr. Im Gegenzug dafür gäbe es aber im Apple App Store mehrere tausend Games, die zeigen würden, dass auch ohne Flash die Programmierung großartiger interaktiver Spiele möglich sei.


  3. Reliability, Security and Performance


    Schon auf Computern mit dem Mac-Betriebssystem, beispielsweiße iMacs, Macbooks in allen verschiedenen Ausführungen und Mac Pros, unterstützen zwar Flash wie alle anderen Adobe-Produkte, doch die bei Apple Inc. eingelangten Fehlerberichte bei Programm- oder Systemabstürzen würden meist die Software der Adobe Suite als Ursache des Problems identifizieren - größtenteils Flash. Noch dazu sei die Umsetzung von Flash für mobile Betriebssysteme weitgehend unklar. Offiziell angekündigte Erscheinungsdaten von Smartphones mit Flash würden bereits seit knapp zwei Jahren vor sich hergeschoben, der tatsächliche Release lässt aber nach wie vor auf sich warten.


  4. Battery Life


    Flash dekodiert seine Videoinhalte mittels spezieller Software, dem Adobe Flash Player. Der HTML5-Standard nutzt zur Dekodierung jedoch einen in die Hardware integrierten H.264-Chip. Aufgrund von durchgeführten Tests verkündet Apple, dass Dekodierung über die Hardware zu bis zu doppelt so langer Akkulaufzeit führt, als Dekodierung über die Software.


  5. Touch


    Das Prinzip Flash wurde zu einer Zeit entwickelt, als seine Implementierung auf mobilen Geräten noch nicht annähernd zur Debatte stand. Daher funktioniert die interaktive Software auf einem Prinzip, das voraussetzt, dass der Userinput über den Umweg einer Maus erfolgt. So gibt es die sehr häufig vorkommenden „Mouseover“-Effekte, die in einer mit Touch-Gesten bedienten Umgebung unmöglich sind. Viele Websites müssten komplett umgeschrieben werden, um eine Touchbedienung der Flash-Inhalte zu ermöglich.


  6. Cross Platform


    Flash kann auch zur App-Entwicklung verwendet werden. Apple habe aber in der Vergangenheit die schmerzliche Erfahrung gemacht, dass es zu einer drastischen Abnahme der Qualität kommt, wenn man die Entwicklung von Software in die Hände Dritter gibt, die es sich nicht zum Ziel gemacht haben, die bestmöglichen Apps für eine bestimmte Umgebung beziehungsweise ein bestimmtes Betriebssystem zu entwickeln, sondern stattdessen plattformübergreifende Programme zu erstellen, die dementsprechend nur jenes Spektrum der Möglichkeiten ausnutzen können, die sich alle beteiligten Plattformen teilen.





Dass diese Abkehr der Adobe-Variante von Apple kam, hatte besonders einschneidende Signifikanz. Die Unternehmensgründer der beiden Pionierunternehmen waren in ihrer Jugend gute Freunde gewesen, halfen einander in der Entwicklung der jeweiligen Produkte und sahen dem anderen bei den ersten, kleinen Schritten auf dem Computer-Markt zu, den sie später als Global Player mitentwickeln sollten. Viele lange Jahre hielt Apple 20 Prozent der Adobe-Anteile. Auch heute noch, in einer nach reinen Zahlenwerten von Windows-Computern dominierten Gesellschaft, verkauft Adobe zirka die Hälfte seiner Software-Produkte für Mac-Computer.




Diese gemeinsame Geschichte - Steve Jobs nennt sie in Anlehnung an Ovid „Goldenes Zeitalter“ - zeigt auf, wie viel Apples Entscheidung Pro-HTML5 für diesen andauernden Streit bedeutete. Gemeinsam mit der etwa ein halbes Jahr später folgenden Umstellung des Youtube-Coding (wobei sich Youtube, wie es die Ironie so will, bekanntlich im Besitz des Google-Konzerns befindet, der mit seiner mobilen Plattform Android Apples schärfsten Konkurrenten in dieser Produktsparte darstellt), wandte sich damit die Tendenz zugunsten von HTML5.


Diese Tendenz wurde von Steve Jobs später im selben Jahr auch noch einmal in einem Interview thematisiert:






Newsflash!




Die letzte Neuerung aus dem Hause Adobe heißt Adobe Edge. Hinter diesem auf den ersten Blick kantigen Namen verbirgt sich bei genauerer Betrachtung der nächste Schritt im Streit zwischen der Firma Adobe und den Komitees W3C/WHATWG.







Die Anfang August 2011 als kostenlos zum Download angebotene Preview Release veröffentlichte Software entpuppt sich als Entwicklungs-Tool für das neue Web - ein Editor, der die Erstellung von auf offenen Standards wie HTML5, CSS3 oder SVG basierendem Web-Content ermöglicht.




In der vorliegenden Beta-Version zwar noch nicht integriert, aber als Key-Feature für den noch in diesem Jahr bevorstehenden offiziellen Release vorgesehen, ist die Integrierung des Supports für audio- und video-Elemente, sowie für canvas. Mit diesem neuartigen Editor erklärt die Firma große Teile seines einstigen Steckenpferdes für obsolet.




Edge ist in diesem Zusammenhang eine Weiterentwicklung des bereits zuvor veröffentlichten „Wallaby“, eines mehrere Monate zuvor vorgestellten Tools, welches die Umwandlung von Flash-Animationen in HTML5-Content möglich macht.



Und schließlich entschied man sich im Hause Adobe sogar zu noch drastischeren Schritten auf dem Weg des Rückzuges von Flash: Dem folgend, was Apple im April 2010 gestartet hat, beendete man Anfang November 2011 die Weiterentwicklung der mobilen Applikation auf allen Plattformen und Betriebssystemen. Auch Android, BlackBerry und andere Smartphones werden also in Zukunft ohne aktuelle Flash-Versionen ausgeliefert werden. Der mobile Markt ist somit von nun an fest in der Hand von HTML5.




Einer Resignation kommt das aber noch nicht gleich. Adobe betont - mit besonderer Sorgfalt im Wortlaut - dass sich die Rolle der eigenen Technologie verändern wird. Einige Bereiche werden wohl von HTML5 übernommen werden. Flash soll sich in Zukunft wohl vor allem bei der Unterstützung und der Implementierung von 3D-Games bewähren.




Und schlussendlich kann man - zumindest gegenwärtig noch - auf einen wichtigen Punkt setzen: Ein nicht unbeträchtlicher Teil der sich im Umlauf befindlichen Browser, und hierbei vor Allem diverse veraltete Versionen des Internet Explorer, weisen nach wie vor keine Unterstützung von HTML5 auf. Adobe hat also noch eine von der Konkurrenz unberührte Zielgruppe.




Dies deutet vor allem auf eines hin: Auf eine noch länger andauernde Koexistenz der beiden Technologien Adobe Flash und HTML5. Friedlich? Möglicherweise. Youtube zeigt es vor.




Quellen:




Netzwelt


Der Standard


Apple


DrWeb


Gizmodo


T3N


Devlounge


Glossar:


Hypertext: nichtlineares Medium zur Präsentation von größeren Texten, die aus vielen, in sich erkennbaren Teilen bestehen. Dementsprechen ist Hypertext sehr wohl Text, nur - im Gegensatz zu den bekannteren Textformen (Bücher etc.) - ein Text, der nicht durch sein Erscheinungsbild suggeriert, man müsse ihn von vorne nach hinten lesen. Der Text wird in viele einzelne Einheiten fragmentiert, diese Einheiten werden daraufhin intelligent vernetzt.


Multimedia: Viele Medien zugleich.


Hypermedia: Viele Medien in der Form organisiert, wie es der Hypertext mit Text tut.


HTML: Hypertext Markup Language, eine softwareunabhängige Beschreibungssprache, die Hypertext für das World Wide Web umsetzt und dabei auf einen weltweit etablierten Computernetzverbund, das Internet, zurückgreift.


W3C: World Wide Web Consortium, eine internationale Community angeführt von Tim Berners-Lee, die über Empfehlungen Standards im Web entwickeln sowie Protokolle und Richtlinien erstellen möchte, um das volle Potential des Webs auszuschöpfen.


WHATWG: Web Hypertext Application Technology Working Group, eine wachsende Community aus Vertretern der Browserhersteller Apple (Safari), Mozilla (Firefox) und Opera (Opera), die 2004 von jenen Mitgliedern der W3C gegründet wurde, die mit den jüngsten Entwicklung des Consortiums, vor allem dem Mangel an Interesse in der Entwicklung von HTML, unzufrieden waren.


HTML5: neuer Standard, der seit Mai 2009 von der WHATWG und einer Arbeitsgruppe der W3C entwickelt wird und das in die Jahre gekommene HTML4 ablösen und besser an die Anforderungen im Web 2.0 angepasst sein soll. HTML5 befindet sich nach wie vor in der Entwicklung.


Flash: Technologieplattform zur Erstellung animierter, Multimedialer Inhalte, meist interaktiv.

1 Kommentar:

  1. HTML 5 gerät nun ins Visier von Hackern. Nicht allein die Tatsache, dass die Technologie "neu" ist, macht sie für diese "Zielgruppe" besonders interessant, auch und insbesonders ein anderer Aspekte spricht Cyberkriminalisten an: Während Browser in der Vergangenheit relativ wenig Informationen gespeichert haben (hauptsächlich Cookies), legt HTML5 während des Surfens große Datenmengen im Browser ab. Der Zugriff auf diese Daten ist bei einem Angriff oft verhältensmäßig einfach.

    Reaktion von James Lyne, Vorsitzender der Online-Sicherheits-Firma Sophos: "It is critical to get a full spec for HTML 5 and there needs to be a serious focus on making sure the browser is secure."

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